„Ich achte darauf, dass ich alles outsource, was ich nicht gut kann und was mir keinen Spaß macht.“

Rachel Dodo-Mehl, Founder von Antipodean Gelato

Foto: Enam Kunutsor


Einmal ein Business auf der anderen Seite der Erdkugel gründen; was sich nach einem großen Abenteuer anhört, ist für Rachel Dodoo-Mehl zur Realität geworden. Obwohl sie in Australien bereits als Fitnesstrainerin selbstständig war, beschreibt sie heute ihr erstes Jahr als Unternehmerin mit eigener Eisdiele im Herzen von Frankfurt, als sehr herausfordernd. „Im ersten Jahr hatte ich noch viel mit dem Imposter-Syndrom zu kämpfen. Ich habe meine eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen sehr angezweifelt. Für mich war dieses Business eine neue Erfahrung in einer neuen Branche. Nach einer Weile, und nachdem ich alles besser und professioneller organisieren und ständig dazulernen konnte, ist mein Selbstvertrauen jedoch ständig gewachsen und heute fühle ich mich sehr wohl mit dem was ich tue“, erzählt sie uns im Interview. Wir haben mit ihr nicht nur über ihre Gründung gesprochen, sondern auch, warum sie bewusst mehr Geld für eine faire Produktion und gute Qualität ausgibt.


Liebe Rachel, woher kommt der Name „Antipodean Gelato“?

Antipodean ist das englische Wort für eine Person von der entgegengesetzten Seite der Erdkugel. Das Konzept einer kreativen Eisdiele kommt, genau wie ich, aus Australien, was ziemlich genau das andere Ende der Welt ist – und somit sind die Eisdiele und ich ein „Antipodean“ hier in Deutschland!


Was hat dich nach Frankfurt verschlagen?

Ich bin jemand, der sich eigentlich überall zuhause fühlen kann. Vor neun Jahren entschied ich mich, dass ich gerne mehr von der Welt sehen und reisen will, denn Australien ist zwar wunderschön, aber schon sehr abgelegen. Mein Mann hat dann zufällig ein Jobangebot in Frankfurt bekommen und mir wurde klar: Ich ziehe gerne in das Herz von Europa, um mehr zu erleben. Und im Laufe der Zeit hat es sich dann ergeben, dass mein Mann und ich mit ANTIPODEAN Gelato eben eine Eisdiele gegründet haben, die ich heute noch betreibe.


Hast du gleich nach der Ankunft in Deutschland gegründet?

Nein, denn für Ausländer ist ja erst einmal ein Sprach- und Integrationskurs Pflicht, bevor man sich selbstständig machen kann. Danach habe ich aber direkt mein erstes Unternehmen gegründet, das Fitness-Gruppentraining und Personal Training angeboten hat.


Wie war es für dich in einem fremden Land ein Business aufzubauen?

Es war definitiv nicht einfach! Es gibt natürlich viel Bürokratie, die man eigentlich nur dann bewältigen kann, wenn man super Deutsch spricht oder jemanden hat, der einem mit Administrativem hilft. Und in Deutschland ist immer noch sehr viel analog und erfordert Besuche „auf dem Amt“, während man in Australien fast alles digital erledigen kann.


Deutschland ist ja bekannt für seine Bürokratie. Dennoch gibt es Start-ups, die mit, und welche, die ohne Businessplan gründen. Wie sehr hast du auf die Formalitäten geschaut und welche Lizenzen hast du gebraucht, um dein Café betreiben zu dürfen?

Oje! Wir haben sämtliche Gesetze und Richtlinien ganz genau befolgt und erfahren, dass man dafür nicht belohnt, sondern eher bestraft wird. Ich will auf die einzelnen Anforderungen der Ämter und Aufsichten nicht zu sehr ins Detail eingehen – nur so viel: Für Wärme-, Lärm- und Brandschutzgutachten und entsprechende zusätzliche Baumaßnahmen, mussten wir (bei 8qm Verkaufsfläche!) insgesamt mehr als 40.000 Euro zusätzlich ausgeben. Die Eingangstür wurde aufgrund der behördlichen Anforderungen dreimal ausgewechselt, bis auch der letzte Sachbearbeiter mit der dann TÜV-zertifizierten Gummidichtung und der Dreifachverglasung mit Spezialdämmgas zufriedengestellt war. Wir haben das Glück, mehr als ein Jahrzehnt auf dieses Projekt hingespart zu haben und konnten uns deshalb auch die Kosten für die unvorhergesehenen Posten leisten. Aber andere Start-ups, die etwas Tolles in ihrer Stadt machen wollen und weniger stark kapitalisiert sind, hätten aufgrund der Bürokratie hier noch nicht einmal die Eröffnung erlebt. Mit den Pflichtgebühren für Berufsgenossenschaften, Handwerkskammern, GEZ und so weiter, von denen man keinen Nutzen hat, arrangiert man sich eben nach einer Weile und zahlt sie, damit man keine Probleme bekommt. Positiv ist aber auch hervorzuheben, dass sich manche vor Ort auch echt bemühen, Start-ups zu unterstützen. So wie die Wirtschaftsförderung Frankfurt, die uns bei unserem letztlich doch noch erfolgreichen Versuch, einen Parkplatz für einen Sommergarten genehmigt zu bekommen, geholfen hat. Und auch ein Politiker aus dem Landtag, der uns beim Kampf gegen das pauschale Eisdielenverbot in Hessen während der ersten Coronamonate unterstützt hat. Dennoch muss man insgesamt ganz ehrlich sagen: Die Bürokratie und „Nein-Mentalität“ von Teilen der Verwaltung hier in Frankfurt, verhindert einfach ganz, ganz viele spannende Projekte, was wirklich schade für diese an sich tolle Stadt ist.


Erzähle uns von deiner Suche nach der perfekten Location. Was waren für dich „Must-Have´s“ und wie lange hast du gesucht?

Die perfekte Location für uns wäre sicher eine Ecklage an einer belebten Straße gewesen. Das haben wir vielen Maklern auch zwei Jahre lang gesagt – aber trotz professionellem Businessplan und ausreichend Kapital haben wir mangels Track-Record keine guten Angebote bekommen. Unseren Laden auf einer kleinen Nebenstraße in einer netten Nachbarschaft, haben wir letztlich dann eigentlich mit der Absicht genommen, dort nur zu produzieren und mit unserem Eisfahrrad in besseren Lagen zu verkaufen. Nachdem aber auch das auf öffentlichen Flächen in Frankfurt nicht erlaubt war, haben wir uns dann einfach dafür entschieden, im kleinen Laden zu produzieren und direkt vor Ort zu verkaufen. Wir haben zwar wenig natürliche Laufkundschaft, aber es spricht sich rum, dass wir gutes Gelato machen, also kommen viele Kunden inzwischen gezielt zu uns.


Foto: Enam Kunutsor

Fotos: Sonja Schwarz Fotographie

Lass uns über die Produktion deiner Gelato-Sorten sprechen. Sind die alle nach eigenen Rezepten entwickelt? Und wo hast du das gelernt?

Ja, unsere Rezepte sind alle einzigartig und individuell entwickelt! Mein Mann und ich haben an der Carpigiani Gelato University das Gelato-Handwerk gelernt und es mit Kursen bei tollen Betreibern in anderen Städten wie Messina in Sydney und Ballabeni in München verfeinert. Besonders wichtig für uns ist aber die Partnerschaft mit unserer Miteigentümerin Taila Semerano. Sie ist in einem ähnlichen Alter wie ich, aber kommt aus einer Konditorenfamilie und hat 2017 die Weltmeisterschaft der Eismacher (U30) und 2020 mit Italien die Team- Weltmeisterschaft der Eismacher gewonnen. Sie ist eine echte Expertin in diesem Gebiet, betreibt eine hervorragende Eisdiele in Ostuni im wunderschönen Apulien und unterstützt uns immer wieder bei der Erstellung von Rezepten, damit auch unsere veganen Schokoladen- und Nusssorbets herrlich cremig und einzigartig in Deutschland sind.

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Hast du anfangs deine ersten Varianten beim Publikum getestet um zu schauen, was ankommt und was nicht? Oder wie hast du festgelegt, welche Sorten es auf die Karte schaffen?

Absolut! Mein Antrieb ist, Menschen mit Gelato glücklich zu machen. Und dafür muss man natürlich schauen, welche Sorten und Rezepte am beliebtesten sind. Anfangs haben wir also viel experimentiert und unsere Freunde und Bekannte zum Tasting eingeladen, wo sie dann jedes Gelato bewerten mussten. Auf dieser Basis haben wir dann einige Sorten, die wir eigentlich bieten wollten, rausgenommen und stattdessen andere Flavours, die sehr populär waren, ergänzt. Inzwischen haben wir auch einen Kreis von rund 100 Stammkunden, die unsere Tasting Experts sind. Im Winter, wenn wir eigentlich geschlossen sind, bitten wir diese zur Verkostung von neuen Sorten. Und was sie mögen, nehmen wir dann auch in unser Sortiment für die kommende Saison auf. Aber um ganz ehrlich zu sein: Manchmal möchte ich auch meinen individuellen Geschmack mit anderen teilen. Kokosnuss-Lakritz ist zum Beispiel meine absolute Lieblingssorte – die Kombination aus Bio-Kokosnussmilch und salziger Lakritzwurzel ist einfach genial! Aber das ist für viele zu experimentell, deshalb bieten wir das nur als „Special“ für wenige Tage an und hoffen, dass sich möglichst viele Kunden an diese Sorte trauen!


Du legst ja sehr viel Wert auf Qualität und Nachhaltigkeit, was sich sicherlich auch im Preis widerspiegelt. Nach welchen Werten hast du dich bei der Preisfindung orientiert? Und hat dich die Festsetzung etwas nervös gemacht?

Qualität, Geschmack und Nachhaltigkeit sind für mich die wichtigsten Themen. Und deshalb verwende ich auch Zutaten und Maschinen, die teurer sind, als andere. Die Milch kommt zum Beispiel von einem lokalen Vorzugsmilchbauernhof, die frischen Zitronen für das Zitronensorbet stammen von einer kleinen Bio-Farm an der Amalfiküste, die Schokolade ist B-Corp zertifiziert von Valrhona und unsere Kühlschränke werden mit klimafreundlichem Kühlmittel und Ökostrom betrieben. Das kostet uns alles bestimmt mehr Geld, als andere Eisdielen ausgeben – und kein Kunde hat jemals gefragt, welches Kühlmittel unser Kühlschrank verwendet oder ist bereit, dafür auch nur 2 Cent mehr pro Kugel auszugeben. Aber es ist für mich sehr wichtig, auf unsere Umweltwirkung zu achten und niemals Kompromisse einzugehen, wenn es um Qualität geht. Natürlich war ich ein bisschen nervös, mit 2 Euro pro Kugel etwas mehr zu verlangen als die Eisdielen in der Nachbarschaft. Aber die Mehrheit unserer Kunden versteht, dass hochqualitative Produkte, schönes Design und faire Löhne für meine Mitarbeiterinnen einfach nicht billiger angeboten werden können.


Wie würdest du deine persönliche Entwicklung als Unternehmerin in Sachen Selbstvertrauen beschreiben?

Ich habe dabei viel gelernt: Was mir Spaß macht, was ich gut kann – und vor allem was nicht! Mit diesen Erfahrungen habe ich mich dann für mein nächstes Business entschieden. Dabei habe ich darauf geachtet, dass ich alles outsource, was ich nicht gut kann und was mir keinen Spaß macht – also Buchhaltung, Administration und so weiter.


www.antipodean.de

@antipodean_gelato

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